„Ponyhof“ ein Gastbeitrag von Miculdejun aka Paul Jeute

Ponyhof

Hinter seinem Rücken begrüßen sich ein paar Besucher, die sich
scheinbar länger nicht gesehen haben.
Zumindest tun sie so, sagt er leise zu sich selbst, und bleibt weiter vor
der Odermannstraße stehen. Vor dem Blechzaun, der die Sicht auf diese
Leipziger Zentrale der NPD versperrt.
Lächerlich, sagt er, aber vielleicht ist es gut so? Doch irgendwie auch
seltsam. Die retuschierten Sprüche. Dann ein Foto gemacht, und danach
bearbeitet. Um es hier auszustellen, als bearbeitete Odermannstraße.
Ohne Graffitti. Ohne Anarchie. Ohne Nazis Raus. Ohne JN-Fähnchen, die
die Odermannstraße zur Festung machen.
Dann dreht er sich um und studiert die auf der gegenüberliegenden
Wand angebrachten Porträtdarstellungen europäischer Neonazigrößen.
Schade, dass so viele fehlen, überlegt er, dreht sich wieder um und
betrachtet erneut die Odermannstraße.
Er ist beeindruckt von dem Foto und von der Tatsache, dass er,
hergezogen ins Viertel, zuallererst von der Odermannstraße gehört
hatte.
Ponyhof steht in großen pinkfarbenen Buchstaben auf der Scheibe der
Galerie. Und noch einmal liest er den Schriftzug, und formt das Wort mit
den Lippen.
Dann kommt ein Freund, drückt ihm ein Bier in die Hand. Sie stoßen an,
trinken jeder einen Schluck und stehen nebeneinander vor dem Bild des
getünchten Blechzaunes.
Das ist doch die Odermannstraße, oder?, fragt der Freund.
Ja, sagt er, aber irgendwie auch nicht. Ist ja alles retuschiert.
Vielleicht haben sie es ja gereinigt und dann das Foto gemacht, sagt der
Freund.
Glaube ich nicht, sagt er.
Eine verdammt gute Ausstellung, sagt der Freund, ist doch nett hier,
oder?
Beide nicken und nippen an ihren Flaschen.
Gehen wir rauchen?, sagt der Freund.
Ja, klar, gehen wir rauchen, sagt er.
Dicht gedrängt stehen die Besucher vor der Galerie Ponyhof. Rauchen.
Trinken einen Schluck. Rauchen und unterhalten sich. Viele kennen sich
scheinbar. Zumindest tun sie so.
Dann liest er noch einmal den pinkfarbenen Schriftzug auf der Scheibe.

© by Paul Jeute

MiculdeJun aka Paul Jeute ist Kulturwissenschaftler, Schriftsteller, Experte für osteuropäische Kultur. Insbesondere der Staaten auf dem Balkan. Seine bisherigen veröfftl. u. a. Bukarest, Mythen, Zerstörung, Wiederaufbau – Eine architektonische Stadtgeschichte; Bilder aus Plagwitz, Leutzsch und Lindenau; Stay punk, stay free, stay gipsy uvm.
Dies ist freilich nur eine kleine Auswahl des Multitalents. Miculdejun

Ponyhof war eine kleine Off-Galerie parallel der Karl-Heine Straße. Seitdem hat sich im Leipziger Westen viel verändert. Vorallem der Zuzug nimmt expotentiell zu. Die Kneipen und Leute werden Schicker. Es gibt jetzt ein Kaufpark am Lindenauer Markt. Die NPD-Zentrale ist verschwunden und die Lützner Straße ist schon längst saniert… Aber eigtl. will „Ponyhof“ auf eine ganz andere Randerscheinung des hedonistischen Miteinanders hinaus, aber lest selbst.

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