Frank Zitzmann, Künstler und moderner Seefahrer

Barke IMG_4809 "LKW"

Im Rückspiegel ist außer der untergehenden Sonne nichts zu erkennen. Der Mann, der hinter dem Steuer des weißenTransporters sitzt, betätigt den Blinker und setzt mit einhundertvierzig Kilometer pro Stunde elegant zum Überholen an. Routiniert betätig er vorher mit beiden Händen noch geschwind den Auslöser seiner Kamera, während der Ellebogen zugleich Stütze selbiger und führende Hand des Fahrzeuges ist. Das Heck eines vor ihm fahrenden Schwerlasttransporters erfährt bei Kilometer achthundertfünfunddreißig somit eine letzte performative Aufmerksamkeit. Der Asphalt glüht, Schweiß rinnt dem gut aussehenden Fahrer auf Leinwand gebannter Luxusgüter übers Gesicht. Das vor ihm fahrende, tonnenschwere Gefährt scheint auf dem aufgeweichten Asphalt zu schwimmen. Ein Blick durch seine Sonnenbrille hindurch auf das verdreckte Innenleben seines Sprinters, auf den Tacho und in den Rückspiegel, lässt ihn von der Richtigkeit seines Handelns in Bruchteilen von Sekunden überzeugen. Das Gaspedal ist bis zum Anschlag durchgedrückt. Frank Zitzmann, Künstler und moderner Seefahrer hisst die Segel, um im Sog der Linearität aufzugehen.

So oder ganz ähnlich müssen die abfotografierten Hecks von Schwertransportern in seinem Katalog „LKW“ entstanden sein. Es sind Lastkraftwagen ganz unterschiedlicher Größe. Mit oder ohne Plane. Sie transportieren Rohre mit dem Durchmesser eines Billy Regals, ausgewachsene Holzstämme so groß wie ein Mehrfamilienhaus der Gründerzeit oder Gefahrgut mit äußerst brisanter Mischung. Überwiegend bleiben jedoch nicht nur die gefahrenen Güter, sondern auch Sinn und Zweck der Wege, der meist anonym gesteuerten Ungetüme für den Normalverbraucher verschlossen. Ob dies wichtig ist? Nein! Hauptsache die Wirtschaft bleibt außer Sonntags am Laufen. Interessant ist hingegen, dass jedes dieser Fahrzeuge mit einer Vielzahl von Informationen und Codes versehen sind, die zum einen die ordnungsgemäße Fahrtüchtigkeit für die rollende Exekutive bezeugen. Zum anderen den Geschäftssinn und die Einmaligkeit der internationalen Produktpalette veranschaulichen. Für Zitzmann sind diese Fahrzeuge sowohl alltägliche Begleiter als auch objéts trouves. Überdies sind die Fahrer, die ihm ebenso anonym erscheinen, wie er für sie, Brüder im Geiste. Wird dieses Verhältnis weitergedacht, kommt man darauf, dass das hoch dotierte Kulturgut, das er transportiert, wie alles andere auf der Fahrt, ebenfalls zu einem unbekannten Produkt reduziert wird. Erst auf der Kunstmesse, wenn der Gegenstand aus Folie und allerhand Verpackung heraus in die entsprechende Sektion zum Glanze gebracht wird, wird er anhand der Gepflogenheiten der Kulturinstitutionen tatsächlich zur Kunst erhoben und für die Kritik des Betrachters zugänglich.

Der Künstler Frank Zitzmann beleuchtet beides. Nämlich das „Dazwischen“, die Abfahrt und die Ankunft. Wobei letztere Stationen beliebig austauschbar sind. Denn Mobilität bedeutet für ihn Vertrauen in einen Personenkreis zu (re)investieren, damit sein Ankommen im wahrsten Sinne erfahrbar wird und letztendlich Emotionen auslösen kann. Das Zwischenstadium, die Fahrt, ist nach eigenem Bekunden vom Rausch der Geschwindigkeit sowie einer gewissen Kontemplation geprägt, die jedoch durch die Konzentration auf das Geschehen auf der Straße überlagert wird. Das Fahrerhaus wird zum Arbeits- sowie Lebensraum, zum Hort der Sehnsucht. Sicheres Fahren und Pünktlichkeit wird zum hohen Gut erklärt. Das heile und pünktlich ankommende Produkt ist die Qualität sowie Lust seiner Arbeit. Eine Art von Romantik, der man sich anhand seiner Fotografien nicht verschließen vermag. So sind die Hinweisschilder, die in ihrer Form eben durch die Geschwindigkeit im Verhältnis zur Verzögerung der Visualisierung des menschlichen Sehsinns eine gewisse Größe aufweisen müssen, um erkannt zu werden, ein Hinweis auf die Anwesenheit von menschlichen Bedürfnissen und gesellschaftlicher Notwendigkeiten. Dabei ist eine positive Konnotation der Informationen, Codes und Applikationen, wie Kennzeichen, Pfeile, schräg angestellter Font auf den Trucks vorherrschend. Sie meinen immer das Vorwärts, das Besser, jedoch niemals Stillstand oder die Minderwertigkeit einer Sache oder eines Vorhabens. Gerahmt wird das fortschreitende Geschehen nicht nur durch die Windschutzscheibe, sondern ebenfalls durch Ortsschilder und Pfeile, die den Imperativ des Vorwärts nur noch bestätigen. Die Verknappung der Sprache auf visualisierte Codes entspricht hiermit der sukzessiven Durchschreitung und der simultanen Vermessung des Raumes durch das Individuum, das entgegen der Kritik des Massenkonsums, Arbeit und negative Belange ausblendet, sobald es sich auf der Autobahn einloggt. Denn es gibt immer ein Ziel, der Weg dahin wird positiv ausgekleidet.

Das Motiv der Ferne sowie die Sehnsucht nach der Fremde werden zum vorherrschenden Sujet in Frank Zitzmanns bisherigem Œuvre. Selbst seine von Hinweisschildern entlehnten Lichtinstallationen könnten ein Hinweis auf das Urmotiv jeder künstlerischer Beweggründe sein, der Poesie und der Liebe. Der Künstler geht sogar soweit, Ausstellungen in einem eigens angemieteten LKW auszurichten. Somit könnte Frank Zitzmann tatsächlich dem Typus des Seefahrers entsprechen, der in die Ferne schweift. Allerdings nicht vergisst die Details seiner Reise im ‚Dazwischen‘ in einer Weise zu dokumentieren, dass den Daheimgebliebenen einen Eindruck seiner fantastischen Abenteuer und seiner Sehnsucht im trockenen Hafen der Kunstrezeption vermittelt. Ein Romancier im Sinne der bildenden Kunst, der die Wegmarkungen nicht auf seinen Unterarm, sondern auf Leinwand und Mixed Media bannt.

© Stephan Franck M.A., 2014

Text für Frank Zitzmann für die Ausstellung „Building-Building III Utrecht-Dresden Exchange“ ist im gleichnahmigen Katalog erschienen.

Die Ausstellung fand am 8. Nov. 2014 im Industriegelände Dresden statt.

http://dasspectrum.tumblr.com/project

http://www.ruhrnachrichten.de/staedte/dortmund/Using-Photography-Fotografie-benutzen-zeigt-verfremdete-Fotos-im-Kuenstlerhaus;art145998,1785645

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