Spektakulärer Coup des British Museum in London

Spektakulärer Coup des British Museum in London

Spektakulärer Coup des British Museum in London

Das weltweit einzigartige Museum an der Themse wirbt Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Prof. Hartwig Fischer ab

Auf der Suche nach einem kompetenten Nachfolger für den im Dezember scheidenden Neil McGregor, ist das British Museum in London nun fündig gworden. Prof. Hartwig Fischer, Generaldirektor und Leiter der Staatlichen Kunstsammlungen, wurde berufen, nach mehr als 200 Jahren als erster Ausländer, das Museum zu leiten. Für den gebürtigen Hamburger ist „es ist eine hohe Auszeichnung und Ehre, das British Museum zu leiten.“ Als Generaldirektor ist er noch für insgesamt 14 Museen und vier separaten Institutionen zuständig. Unter anderem für das Grassi Museum in Leipzig. Eines seiner ehrgeizigen Ziele seit seiner Ernennung für die SKD in Dresden 2012 war es, die Modernisierung und die Weiterentwicklung der Sammlungsbestände des Freistaates Sachsens voranzutreiben. Zuvor war er Museumsleiter des Museum Folkwang in Essen. Seine letztere größere Amtshandlung war sein Engagement für das Dresdner Kunstfest. Dieses findet noch bis Ende September in ausgewählten Museen innerhalb der SKD mit international renommierten Musikern statt – Internationale Verständigung zu Zeiten Pegidas und das ganz ohne Klänge von Wagner. Kunstministerin Dr. Eva-Maria Stange sagt: „Ich bedauere den Weggang von Prof. Hartwig Fischer sehr. Die Entscheidung trifft uns hart“ Und weiter: „Unter seiner Leitung wurden Aufsehen erregende Ausstellungen konzipiert. Die Staatlichen Kunstsammlungen haben ihre Schätze aus den Depots geholt und hervorragend kuratiert der kunstinteressierten Öffentlichkeit präsentiert. Prof. Fischer konnte namhafte internationale Experten für die Leitung der Museen innerhalb der Kunstsammlungen gewinnen.“ Schon zum zweiten Mal verlässt eine brillanter Organisator die SKD gen London. Fischers Vorgänger Martin Roth ist seit September 2011 Leiter des Victoria an Albert Museum in London. Daher kommt es nicht von ungefähr, wenn beispielsweise auf Facebook die Causa Fischer/ Roth mit den Worten „Sprungbrett Dresden“ kommentiert wird. Doch es ist mehr als es scheint. Es ist eine Rochade von Führungspersönlichkeiten der europäischen Kulturelite. Neil McGregor wird Gründungsintendant des Humboldforums im rekonstruierten Stadtschloss in Berlin. Für die SKD in Dresden bleibt nur die bittere Pille zu schlucken und nach einem geeigneten Nachfolger zu suchen. Die ganz großen Pessimisten denken schon an das Ende des Abendlandes. Das Kunstministerium lässt verlauten, dass jetzt durch eine Findungskommision eingeleitet wird.

Quelle: PM des British Museum in London, PM: Staatliche Kunstsammlung Dresden (SKD) bzw. das Sächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (SMWK) (29.09.2015)

Quelle Foto: SKD (29.09.2015)

ALEXANDER DORN | ENTER

METAPHYSISCHE ANOMALIEN | ALEXANDER DORN | ENTER
Alexander Dorn ist als Künstler in beinahe jedem Metier bewandert, und dass mit gnadenloser Präzision und Ausdrucksstärke. Doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Vielmehr eröffnet der Künstler dem Besucher mit der Ausstellung ENTER ein Tor in eine Welt der Reflexionen und Anomalien. Seit dem 23. Juli sind seine neuen Arbeiten in der Contemporary Urban Galerie (CU) auf der Kolonnadenstraße zu sehen. Es sind Arrangements, die der Künstler zuvor konzeptuell erarbeitet und sich mit einer Auswahl an Materialien oder Bildern in den urbanen Raum begibt. Seine De-Konstruktionen werden sodann in den Weiten städtischer Landschaften platziert. Aus dieser Art Staffage entsteht ein fotografisches Derivat, das zunächst einer klassischen Raumkonzeption entspricht. Katrin Klietsch und Juliane Maria Hoffmann, die Initiatorinnen der CU-Galerie wollen genau das zeigen: Zeitgenössische Positionen, die mit dem urbanen Raum korrelieren, der Stadt den gewohnten Rahmen entziehen oder aber erst Dinge, die Urbanität als kognitiv erfahrbaren Raum im weitesten Sinne ausmachen, hinzufügen. Insofern entsprechen die neuen Arbeiten des Leipzigers der Programmatik der CU. Doch was macht diese Kunst aus, was ist an ihr besonders? Und vor allem: Warum sollte man sich gerade in diese Ausstellung begeben und dabei den Sommer für eine derartige Kurzweil draußen stehen lassen? Mit der neu geschaffenen Werkreihe für die Ausstellung ENTER schafft es Alexander Dorn an die Qualität und Tiefe seiner vorhergehenden Themen anzuknüpfen und diese sogar zu steigern. Seine „Non places“, die ebenso aus einer Staffagesituation heraus entstanden sind, sind Unorte mit identitätsstiftendem Charakter und dem nötigen morbiden Esprit, der beim Betrachter ein Sehnsuchtsgefühl nach postindustrieller Vernachlässigung als Umgebung entstehen lässt. An dieser Stelle überspringt er gleich mehrere Schritte. Die neuen Arbeiten bieten dem Betrachter vielschichtige Ebenen, die sowohl mehrere Raumkonfigurationen unter anderem durch Reflexionen miteinander verbinden sowie überlagern als
auch die nötige foto- und kunsttheoretische Tiefenschärfe besitzen. Der Spiegel in der Arbeit „Anomalie“ wird selbst zu einem unheimlichen Akteur. Er scheint als eigenständiges Bild in der Luft zu schweben und verweigert zugleich den Blick in die Tiefe. Gleichsam gibt er dem Betrachter ein virtuelles Zerrbild der hinter dem Betrachter befindlichen Natur wieder. Paradoxerweise wird der Grad der Abstraktion des rückwertig nicht genauer definierbaren Raumes zwar durch den Künstler hergestellt, aber nicht von ihm geschaffen. Neben einer Kulturgeschichte des Spiegels hält das komplexe Produktionsszenario aber noch eine metaphysische
Komponente bereit. Der aufmerksame Cineast wird unlängst Parallelen zur „versiegelten Zeit“ erkannt haben. Alexander Dorn kokettiert allerdings nur mit den Fallstricken à la Andrei Tarkovski. Es ist ihm eher daran gelegen die subjektiven Erfahrungen des Betrachters auf die Probe zu stellen. Das Bild „Slide“ beispielsweise
lässt den Betrachter sofort an eine computergenerierte und damit hyperrealistische Ästhetik denken. Raum und Zeit scheinen gedehnt. Das Bild im Bild wirkt wie ein stufenlos wirkender Horizont, der selbst den Spiegel zum Thema dieses Ereignisses macht. Das Banale wird plötzlich zu einem Faszinosum. Allein die nicht sichtbare
Kamera vermag den vergänglichen Augenblick festzuhalten. Wer jetzt allerdings glaubt, Alexander Dorn handele mit seinen Bildern fahrlässig und führe dem Besucher lediglich eine Aneinanderreihung von optischen Versuchs-anordnungen vor, wird in der Ausstellung ENTER eines Besseren belehrt. Die Ausstellung ist vom 23. Juli bis
zum 01. August 2015 im CU in Leipzig zu sehen. Angesichts bester Aussichten auf Wetter und Kunst bleibt nur zu hoffen, dass es eine Chance auf Verlängerung gibt.
!
Text: Stephan Franck

Bilder: © Alexander Dorn

anomalie  slide

Ein Interview mit Marcel Walldorf anlässlich seiner Ausstellung „Lügenhesse“ in der Galerie Holger John in Dresden.

mewalldorf

S. F. Hallo Marcel, danke dass du dir für uns Zeit nimmst. Kannst du unseren Lesern etwas aus deiner Biografie erzählen. Wie bist du von Frankfurt nach Dresden gekommen?

M.W. Ich bin 1983 in Friedberg in Hessen geboren, im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen. Von Frankfurt nach Hanau usw. Ich habe dann in Offenbach mit meinem Grundstudium visuelle Kommunikation angefangen. Vorher war Graffiti angesagt. Nach meinem Grundstudium hatte ich buchstäblich die Nase voll von meiner Heimat und bin nach Dresden gekommen, um hier Kunst an der Akademie zu studieren. Dresden hat mir auch die nötige Distanz zu Frankfurt verschafft. Hier in Dresden habe ich dann 2012 mein Diplom bei Prof. Eberhard Bosslet abgeschlossen und war dann bei ihm noch in der Meisterschülerklasse bis ich als Meisterschüler 2014 abgeschlossen habe. Dresden hat auf jeden Fall gerockt, hat Spaß gemacht.

S.F. Marcel, du bist von Dresden wieder zurück nach Frankfurt/Main gezogen. Wie hat sich dein Blickwinkel auf die Stadt verändert? Wie schätzt du die Stadt mit der nötigen Distanz ein, in der du ja doch ein paar Jahre deines Lebens verbracht hast?

M.W. Das ist eine schwierige Frage. Man kann es wohl so sagen: wenn man ein wenig Lokalpatriotismus entwickelt hat, bleibt man eventuell auch hier (lacht). Aber wenn man nur für das Studieren in die Stadt kommt beziehungsweise sich nicht unbedingt festlegen will, spielen Berlin und auch Leipzig eine wichtige Rolle, an denen man sich orierentiert. Bei mir war es halt Frankfurt. Dresden ist dann eher eine Zwischenstation. Zurück in Frankfurt bin ich dann wieder in mein altes Netzwerk gefallen, sozusagen in ein gemachtes Nest (lacht).

S.F. Um die Frage vielleich noch etwas zu präzisieren, wie verhälst du dich als Künstler zu dieser Stadt. Du hast es eventuell mitbekommen, dass einige sehr beachtenswerte sowie begabte Künstler die Stadt verlassen. Kannst du einen solchen Schritt nachvollziehen?

M.W. Das man sich hier lediglich selbst beweihräuchert, sich selbst beglückt und sich ständig die selben Leute die Klinke in die Hand geben, ist offensichtlich. Es gibt dann ja auch so eine Art Cliquenkunst. Das selbe Material, das selbe Thema. Das hat man dann schnell durchschaut. Klar, ich kann das absolut nachvollziehen von hier weg zu gehen. Irgendwann dreht sich alles im Kreis. Man erreicht letztendlich ein Stadium, indem nichts mehr fruchtet. Dann können noch soviel innovative Projekte an den Start gehen, es führt leider nur bis zu einer gewissen Grenze und dann… Das hängt aber auch mit den Institutionen und der Politik in der Stadt selbst zusammen. Vielleicht sind nicht so sehr die Leute das Problem. Denn letztendlich werden in Frankfurt die gleichen Gespräche geführt, es gibt einen ähnlichen Einheitsbrei. Eigentlich hat man in Frankfurt die selben Zukunftsängste und trägt die gleichen Klamotten (lacht). Es ist halt wichtig über den Tellerand zu schauen, um seinen Horizont erweitern zu können. Mehr kann ich dazu nicht sagen, da stecke ich zu wenig drin.


S. F. Wie ist es als Künstler in Frankfurt gegenüber Dresden? Welchen signifikanten Unterschied kannst du für dich ausmachen?

M. W. Um das Thema Netzwerk nochmal aufzugreifen. In Frankfurt mache ich angewande Kunst im öffentlichen Raum aber auch Grafik- und Webdesign. Darüber hinaus arbeite ich noch für Firmen. Etwa für Bosch habe ich mit meinen Mitstreitern eine riesige Skultpur aus den blauen Tools gebaut, Bohrmaschinen, Akkuschrauber etc. Der Unterschied zwischen Dresden und Frankfurt liegt schlicht und ergreifend daran, dass man dort immer die Möglichkeit hat mit seinen Mitteln, die man erlernt hat, Geld verdienen zu können. Was hier vor Ort natürlich schwieriger ist. Das ist ohne Frage ein Problem, wenn man künstlerisch und heilwegs unabhängig weiterkommen will. Mit meiner Arbeit kann ich mich auch handwerklich weiterentwickeln und ziehe aus den Dingen, die ich für Firmen entwickle, wiederum neue Dinge für meine Kunst heraus. Quasi selbstinduktiv.
Wenn man dann doch über Kunst in Frankfurt zu sprechen kommt, sieht es natürlich so aus, dass die Städelschule ein enormes Gewicht hat, da geht fast nix drüber. Man kann es vielleicht überspitzt beschreiben: als Erstsemester wird man dort schon den Sammlern vorgestellt. Aber die meisten kommen auch aus einem gemachten Haus, die haben keine Probleme. Es ist dann auch Kunst, die dann beispielsweise soziale Probleme aus dem Blickwinkel einer gehobenen Gesellschaftsschicht betrachtet, wenn man das so sagen kann. Als Außenstehender ist es dann schon schwierig dort mitzumischen. Zumal wenn man in Offenbach studiert hat. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass Kontinuität für einen Künstler wichtig ist, und das nicht nur auf mich bezogen. Man muss halt dran bleiben, sonst wird das nix.

S. F. Um den Bogen jetzt nochmal auf Dresden zu lenken, was hat dich dazu bewegt, wieder in Dresden auszustellen; wie kam die Zusammarbeit mit Holger John zustande?

M.W. Man kennt sich gut. Ich schätze ihn, er anscheinend mich (lacht) und er hat mir das Vertrauen geschenkt. Zudem will ich Dresden nicht aus den Augen verlieren. Du bist doch auch letztes Jahr zu „meiner“ Ausstellung in den Salon Pendant gekommen? („Frolik, Judisch, Walldorf – In Oel – When Sulptures Paint/ Feb. 2014 Gruppenausstellung im Salon Pendant)

S.F. Ja, klar. Die Show war großartig.

M.W. Hier vor Ort habe ich eine Einzelausstellung bekommen. Es ist schon etwas anderes. Keine Gruppenausstellung zu haben, wo das Publikum nur einen Teil sieht. So kann ich einen ganzen Themenkomplex aufgreifen und ausstellen, wo man auch mal eine schwächere neben einer ausdrucksstarken Arbeit platzieren kann. Ich glaube, das macht schon etwas aus. Dem Betrachter kommt dem Künstler etwas näher, es wird intimer und damit persönlicher.

S. F. Wie kommst du zu diesen Ausstellungstitel Lügenhesse?

M. W. Ich will mich jetzt natürlich nicht politisch positionieren. Der Titel passt zu den aktuellen Ereignissen, die mir in Frankfurt natürlich nicht verschlossen bleiben. Dresden beziehungsweise ein Teil der Leute hier schlüpft gern mal in die Opferrolle, das ist zum Teil historisch bedingt. Damit muss man umgehen. Natürlich liegt es mir nicht daran, mit erhobenen Zeigefinger auf Dinge aufmerksam zu machen. Naja, vielleicht ein bisschen.
Vielleicht noch etwas zu mir. Ich habe mich ja auch nie als Westdeutscher verstanden. Erst hier in meiner WG in Dresden wurde ich damit konfrontiert. Da kommen einen natürlich die wohlwollenden Versprechungen von westlicher Seite in den Sinn, die sich für den Einen oder Anderen nicht erfüllt haben. Insofern sind auch hier historische Analogien, die vielleicht im Ausstellungstitel mitschwingen. Ich will mich auch nicht zuweit aus dem Fenster lehnen. Der Ausstellungsbesucher soll über die Kunst urteilen, mir steht das eigentlich nicht zu.

S.F. Den Aspekt möcht ich gern aufgreifen. Wieviel Ironie steckt in deinen Werken?

Sehr viel auf jeden Fall. Das ist ein Thema, das ist in jeder meiner Arbeit vorhanden. Ironie: da ist für jeden Etwas dabei. Wie oben das Einhorn (Gemeint ist Everybodys Darling, ein Pferdekopf mit aufgesetzter Karotte in der 1. Etage der Galerie Holger John). Denn nur ganz reine Wesen oder eben Jungfrauen konnten Einhörner sehen. Man schmückt sich auch heute gern mit fremden Federn und ist dann etwas Besonderes (lacht). Das Einhorn war in der frühen Neuzeit natürlich auch eine Art Herrschaftsinsignie. Das Einhorn (Narwal) besiegen, heißt das Unnatürliche als guter Christ, Herrscher von Gottes Gnaden überwinden. Im Übrigen ein Gründungsmythos der Wunderkammer. Das passt doch zur Ausstellung, oder?!

Hast du ein besonderes Werk mitgebracht?

Nein, habe ich nicht. Es geht hier um einen Teil meines Gesamtwerks ohne jetzt eine Retrospektive gemacht haben zu wollen.

S.F: Eine letzte Frage. Kannst du in Frankfurt etwas empfehlen, Secret Places?

Häng mit mir rum, wir gehen von Trinkhalle zu Trinkhalle. Frankfurt ist hässlich, da ist es eher schwierig Touristen herumzuführen (lacht).

S.F. Abschließend möchte ich gern von dir noch eine Frankfurter Spezialität wissen, die du sehr empfehlen kannst.

Apfelwein natürlich, Handkäs mit Musik. Apfelwein gibt es auch hier, habe ich mitgebracht. Prost.

Vielen Dank Marcel Walldorf für das Interview. Viel Erfolg für die Ausstellung.

Das Interview führte Stephan Franck in der Galerie Holger John (5.02.2015).

Die Ausstellung „Lügenhesse“ ist noch bis zum 31.03 in der Galerie Holger John zu sehen.

Frank Zitzmann, Künstler und moderner Seefahrer

Frank Zitzmann, Künstler und moderner Seefahrer

Barke IMG_4809 "LKW"

Im Rückspiegel ist außer der untergehenden Sonne nichts zu erkennen. Der Mann, der hinter dem Steuer des weißenTransporters sitzt, betätigt den Blinker und setzt mit einhundertvierzig Kilometer pro Stunde elegant zum Überholen an. Routiniert betätig er vorher mit beiden Händen noch geschwind den Auslöser seiner Kamera, während der Ellebogen zugleich Stütze selbiger und führende Hand des Fahrzeuges ist. Das Heck eines vor ihm fahrenden Schwerlasttransporters erfährt bei Kilometer achthundertfünfunddreißig somit eine letzte performative Aufmerksamkeit. Der Asphalt glüht, Schweiß rinnt dem gut aussehenden Fahrer auf Leinwand gebannter Luxusgüter übers Gesicht. Das vor ihm fahrende, tonnenschwere Gefährt scheint auf dem aufgeweichten Asphalt zu schwimmen. Ein Blick durch seine Sonnenbrille hindurch auf das verdreckte Innenleben seines Sprinters, auf den Tacho und in den Rückspiegel, lässt ihn von der Richtigkeit seines Handelns in Bruchteilen von Sekunden überzeugen. Das Gaspedal ist bis zum Anschlag durchgedrückt. Frank Zitzmann, Künstler und moderner Seefahrer hisst die Segel, um im Sog der Linearität aufzugehen.

So oder ganz ähnlich müssen die abfotografierten Hecks von Schwertransportern in seinem Katalog „LKW“ entstanden sein. Es sind Lastkraftwagen ganz unterschiedlicher Größe. Mit oder ohne Plane. Sie transportieren Rohre mit dem Durchmesser eines Billy Regals, ausgewachsene Holzstämme so groß wie ein Mehrfamilienhaus der Gründerzeit oder Gefahrgut mit äußerst brisanter Mischung. Überwiegend bleiben jedoch nicht nur die gefahrenen Güter, sondern auch Sinn und Zweck der Wege, der meist anonym gesteuerten Ungetüme für den Normalverbraucher verschlossen. Ob dies wichtig ist? Nein! Hauptsache die Wirtschaft bleibt außer Sonntags am Laufen. Interessant ist hingegen, dass jedes dieser Fahrzeuge mit einer Vielzahl von Informationen und Codes versehen sind, die zum einen die ordnungsgemäße Fahrtüchtigkeit für die rollende Exekutive bezeugen. Zum anderen den Geschäftssinn und die Einmaligkeit der internationalen Produktpalette veranschaulichen. Für Zitzmann sind diese Fahrzeuge sowohl alltägliche Begleiter als auch objéts trouves. Überdies sind die Fahrer, die ihm ebenso anonym erscheinen, wie er für sie, Brüder im Geiste. Wird dieses Verhältnis weitergedacht, kommt man darauf, dass das hoch dotierte Kulturgut, das er transportiert, wie alles andere auf der Fahrt, ebenfalls zu einem unbekannten Produkt reduziert wird. Erst auf der Kunstmesse, wenn der Gegenstand aus Folie und allerhand Verpackung heraus in die entsprechende Sektion zum Glanze gebracht wird, wird er anhand der Gepflogenheiten der Kulturinstitutionen tatsächlich zur Kunst erhoben und für die Kritik des Betrachters zugänglich.

Der Künstler Frank Zitzmann beleuchtet beides. Nämlich das „Dazwischen“, die Abfahrt und die Ankunft. Wobei letztere Stationen beliebig austauschbar sind. Denn Mobilität bedeutet für ihn Vertrauen in einen Personenkreis zu (re)investieren, damit sein Ankommen im wahrsten Sinne erfahrbar wird und letztendlich Emotionen auslösen kann. Das Zwischenstadium, die Fahrt, ist nach eigenem Bekunden vom Rausch der Geschwindigkeit sowie einer gewissen Kontemplation geprägt, die jedoch durch die Konzentration auf das Geschehen auf der Straße überlagert wird. Das Fahrerhaus wird zum Arbeits- sowie Lebensraum, zum Hort der Sehnsucht. Sicheres Fahren und Pünktlichkeit wird zum hohen Gut erklärt. Das heile und pünktlich ankommende Produkt ist die Qualität sowie Lust seiner Arbeit. Eine Art von Romantik, der man sich anhand seiner Fotografien nicht verschließen vermag. So sind die Hinweisschilder, die in ihrer Form eben durch die Geschwindigkeit im Verhältnis zur Verzögerung der Visualisierung des menschlichen Sehsinns eine gewisse Größe aufweisen müssen, um erkannt zu werden, ein Hinweis auf die Anwesenheit von menschlichen Bedürfnissen und gesellschaftlicher Notwendigkeiten. Dabei ist eine positive Konnotation der Informationen, Codes und Applikationen, wie Kennzeichen, Pfeile, schräg angestellter Font auf den Trucks vorherrschend. Sie meinen immer das Vorwärts, das Besser, jedoch niemals Stillstand oder die Minderwertigkeit einer Sache oder eines Vorhabens. Gerahmt wird das fortschreitende Geschehen nicht nur durch die Windschutzscheibe, sondern ebenfalls durch Ortsschilder und Pfeile, die den Imperativ des Vorwärts nur noch bestätigen. Die Verknappung der Sprache auf visualisierte Codes entspricht hiermit der sukzessiven Durchschreitung und der simultanen Vermessung des Raumes durch das Individuum, das entgegen der Kritik des Massenkonsums, Arbeit und negative Belange ausblendet, sobald es sich auf der Autobahn einloggt. Denn es gibt immer ein Ziel, der Weg dahin wird positiv ausgekleidet.

Das Motiv der Ferne sowie die Sehnsucht nach der Fremde werden zum vorherrschenden Sujet in Frank Zitzmanns bisherigem Œuvre. Selbst seine von Hinweisschildern entlehnten Lichtinstallationen könnten ein Hinweis auf das Urmotiv jeder künstlerischer Beweggründe sein, der Poesie und der Liebe. Der Künstler geht sogar soweit, Ausstellungen in einem eigens angemieteten LKW auszurichten. Somit könnte Frank Zitzmann tatsächlich dem Typus des Seefahrers entsprechen, der in die Ferne schweift. Allerdings nicht vergisst die Details seiner Reise im ‚Dazwischen‘ in einer Weise zu dokumentieren, dass den Daheimgebliebenen einen Eindruck seiner fantastischen Abenteuer und seiner Sehnsucht im trockenen Hafen der Kunstrezeption vermittelt. Ein Romancier im Sinne der bildenden Kunst, der die Wegmarkungen nicht auf seinen Unterarm, sondern auf Leinwand und Mixed Media bannt.

© Stephan Franck M.A., 2014

Text für Frank Zitzmann für die Ausstellung „Building-Building III Utrecht-Dresden Exchange“ ist im gleichnahmigen Katalog erschienen.

Die Ausstellung fand am 8. Nov. 2014 im Industriegelände Dresden statt.

http://dasspectrum.tumblr.com/project

http://www.ruhrnachrichten.de/staedte/dortmund/Using-Photography-Fotografie-benutzen-zeigt-verfremdete-Fotos-im-Kuenstlerhaus;art145998,1785645