Text zur Ausstellung „Gorillia Thought“ von Ronny Szillo – Kunsthaus Erfurt

Neulich bekam ich eine Email vom Freundeskreis der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden mit einer Einladung zur neuen Ausstellung von Gerhard Richter im Lipsusbau. Als ich mir die angehängte PDF mit den Informationen zur Ausstellung ansehen wollte verschob sich beim Scrollen das Bild und ein neues Bild entstand. Diese besaß einen eigen vom Orginal unabhängigen Reiz. Es ähnelte dem verschroben Bild, was man vom DVBT Fernsehen kennt. Ich hatte einen echten Glitch gesehen, eine unerwartetes Ergebnis einer Fehlfunktion.
Glitch Richter
Glitch ist aber nicht nur ein zufälliger Fehler, sondern begründete eine eigene Ästhetik, welche eine visuelle Repräsentation der fehlerhaften Transcodierung von Daten bei der Kommunikation darstellt.

Diese Ästhetik erweiterte sich zu einer neuen Kunstform, welche sich, außerhalb des White Cube, im digitalen Raum manifestiert hat. Auf Tumblr Blogs, wie dem von Anthony Antonellis wurde sie geprägt und lässt sich überspitzt mit vier Begriffen beschreiben.

Glitch, Marble, Frames, und Meta.

Die Begriffe sind dabei Sinnbilder für das Spiel mit dem digitalen Fehler, den Strukturen der Abbildungen, welche auf Mamor referieent, der Rahmung in der klassischen Kunst und den Informationen, sowie deren Austausch innerhalb und außerhalb diese neue Kunstwelt.
In seiner Ausstellung „Gorilla thought“ zeigt Ronny Szillo eine Auswahl seiner aktuellen Werke, welche diese Kunstform und Ästhetik, sowie die Wirkung und die Bedeutungen des digitalen „Neulandes“ für die reale Welt erkunden.

Dafür gräbt er, einem Archäologen ähnlich, nach den Artefakten der digitalen und virtuellen Welt und versucht diese sichtbar zu machen.
Ronny Szillo
Dabei werden die Entwicklung und die Verknüpfung der realen und virtuellen Welt deutlich, was sich auch an Referenzen auf die Geschichte der Kunst und der Menschheit, welche Szillo nutzt, zeigt. So verdeutlicht er den Wandel der Technik an Artefakten von Mobiltelefonen, gleich technischen Fossilien, oder er zeigt moderne Höhlenmalerei, in Form von Fototapeten.
Ronny Szillo
Die Schwelle zwischen dem Realen und Digitalen/Virtuellen überwindet er aber nie, sondern er verdeutlicht die Differenz zwischen Beiden. In dem er, wie der Internet Explorer, ein Fenster in die digitale Welt öffnet, was einen Blick erlaubt, aber den direkten Zutritt verweigert. Das sich daraus ergebende Spannungsfeld zwischen der Analogen und Digitalen Welt nutzt er bewusst, in dem er den Wandel des Realen durch das Digitale und den Gewinn und Verlust, welcher dieser Wandel mit sich bringt, ergründet.

Dafür nutzt er die Techniken dieser Ästhetik, welche zu einem scheinbaren Verlust des Ursprungbildes führen, indem sie aus diesem etwas Neues schaffen.
Die Veränderung eines Bildes, durch einen herbeigeführten Fehler in den analogen Daten, eine Veränderung der Struktur, des Setzen eines neuen Rahmens im Bild, wirkt als Sinnbild für die dauerhafte Bewegung der digitalen Welt.

Diese Art der Bewegung zeigt sich in der Kunst u.a. durch eine Remix und Sharing Kultur, welche zielstrebig durch Aufgabe des Ursprungbildes genauer aus dem Verlust des Ursprungbildes Neues erschafft und damit durch die Wiederholung, die keine Nachahmung ist, eine Dauerhaftigkeit entstehen lässt.
Ronny Szillo
Gleichzeitig referiert die Reproduktion der Netzkunst, welche Szillo schafft, auf Werke aus der Kunstgeschichte. Ein Beispiel hierfür sind die fotorealistischen Malereien des Anfangs erwähnten Gerhard Richters, welche keinen puren Fotorealismus darstellen, sondern immer mit Fehlern spielen. So zeichnet Richter zum Beispiel im Werk „Frau Mit Kind am Strand“ eine fotorealistische Szene, mit einer Verschwommenheit, welche einen Bewegungseffekt verdeutlicht, dieser ähnelt dabei einer Bildstörung, wie sie dem Glitch eigen ist.

Szillo reproduziert diese Ästhetik des Digitalen aber nicht nur, sondern nutzt und übersetzt sie für die reale Welt in einer Art der Wiederholung wie sie nur der Kunst eigen sein kann.

Ronny SzilloRonny Szillo

Literatur:
Moradi Iman, GTLCH AESTHETICS S.8 2004, (http://www.haraldpeterstrom.com/content/5.pdfs/Iman%20Moradi%20%E2%80%93%20Glitch%20Aesthetics.pdf)
Jackson Rebecca , The Glitch Aesthetic 2011 S. 32f. (http://scholarworks.gsu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1081&context=communication_theses)
http://tumblr.anthonyantonellis.com/
Deleuze Gilles, Differenz und Wiederholung, 1997

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